1700 Jahre 1. ökumenisches Konzil von Nizäa

von Birgit Retzmann

19.08.2025

Man würde wohl ohne große Zweifel sagen, die Mitte des Christentums ist Jesus Christus. Oder nicht? Aber, wer ist Jesus eigentlich? Haben Sie sich das mal gefragt?


Als Kaiser Konstantin 325 das 1. ökum. Konzil einberief, ging es im Kern um diese Frage. Der Kaiser, war neben seinen machtpolitischen Interessen selbst tief religiös. Er wollte eine Versöhnung der zerstrittenen Bischöfe herbeiführen. Es ging ihm um Einheit in der Kirche, nicht nur mit Blick auf die stabilisierenden Effekte für sein Reich.

Hauptstreitpunkt war die Lehre des Arius, ein Geistlicher aus Alexandria. Seine antitrinitarische Meinung fand große Anhängerschafft. Das Konzil sollte eine verbindliche Antwort finden, wie Jesus Christus und Gott Vater im gegenseitigen Verhältnis mit dem Heiligen Geist stehen. Arius vertrat ein sogenanntes subordinatianisches Christusbild. Er leugnete kurz gesagt die Göttlichkeit Jesu.

Hier wurde an den Kern christlicher Lehre gerührt, die Kirche drohte zu zerbrechen. Wie die Sache ausgehen würde, stand keineswegs fest, da der Kaiser Offenheit für sowohl die trinitarisch denkenden Bischöfe, als auch für arianische Gedanken hatte.

Die Mehrheit der anwesenden Bischöfe setzte schließlich ein trinitarisches Glaubensbekenntnis durch, das die Wesenseinheit von Gott, dem Schöpfer und Jesus Christus mit dem Heiligen Geist herausstellte. Darin liegt die große Bedeutung des 1. ökum. Konzils für die Christenheit bis heute. Aber unter Konstantins Nachfolgern kam es noch einmal zu einem arianischen Umschwenken. Erst 381 auf dem 2. ökum. Konzil wurde mit neuem Bekenntnis die Trinitätslehre allgemein anerkannt. Die verbindliche Festlegung des Ostertermins wirkt zwar auch bis heute nach, ist aber bei weitem inhaltlich nicht gleichgewichtig.

Aber warum ist die heute vielleicht spitzfindig wirkende Terminologie der Trinitätslehre eigentlich noch wichtig?

Wir bekennen jeden Sonntag mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jh. in knappsten Worten: Ich glaube an Gott den … Schöpfer, … an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, … und den Heiligen Geist…“ Bis die Christenheit so zugespitzt bekennen konnte, brauchte es Jahrhunderte theologischer Reflexion.

Als der Kern christlicher Lehre noch nicht fixiert war, haben immer wieder Strömungen der jeweiligen Zeitgeschichte das Christentum beeinflussen und zu sektenähnlichen Sondergruppen und Verwischung der biblischen Lehren geführt. Das war teilweise so erheblich, dass man vom Verschwinden des Christentums hätte reden können. Ein Beispiel ist der in Rom des 2. Jh. wirksame Markion. Er vertrat die Auffassung, der Gott des Alten Testaments ist nicht der des Neuen. Es muss so eine Art guten Gott und einen bösen Gegenspieler geben, zwischen dem wir uns entscheiden müssen. Die dahinterstehende Strömung nannte sich Gnosis. Das Christentum drohte zu einer Art Selbsterlösungselitereligion zu werden in Ablehnung alles Jüdischen. Die Folgen: was wir mit Christi Kreuzestod und Auferstehung zur Erlösung für all Welt verbinden, wäre damit vom Tisch. Nach dieser Vorstellung würde Christentum bedeuten: man erlöst sich in der Nachfolge Jesu kurz gesagt durch Abgrenzung, Selbstverbesserung und Erkenntnis selbst.

Der Weg Jesu durch Leiden und Sterben ans Kreuz zur Überwindung von Leid, Schuld und Tod in der Auferstehung wäre damit nicht mehr Gottes Rettung. Gott würde in so einem Denkmodell nicht mehr uns erlösen, sondern uns nur den Weg zur Selbsterlösung zeigen. Wie eminent wichtig dieser Unterschied ist, zeigten 1200 Jahre später die Reformatoren mit der Rechtfertigungslehre neu: Der gnädige Gott zeigt sich leidend am Kreuz für unsere Unvollkommenheit. Niemand von uns ist perfekt und damit wäre die Aufforderung zur Selbsterlösung eigentlich unsere Verdamnis zu so etwas wie einem Teufelskreislauf aus Schuld, Leid und Tod. In Jesus Christus wird der von Gott für alle Welt durchkreuzt.

Und hier schließt sich der Kreis zur Frage nach der Bedeutung Jesu auf dem Konzil von Nizäa: Darum ist es wichtig, dass uns in Jesus Christus der „wahre Gott“ begegnet, wie es 325 formuliert wurde: Es kann uns eben nur Gott selbst frei machen zum Leben in dieser Welt und frei für das Leben in seiner Ewigkeit. Freilich gilt es, dieser Befreiung folgen zu wollen, nach Gottes Geboten das Leben auszurichten. Aber sowenig wir uns selbst das Leben schenken können, so wenig können wir uns zu mehr machen als wir sind: Wir bleiben auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit angewiesen, das erst macht uns zu Menschen, zu Beziehungswesen.

Deshalb war der Streit um das Wesen des christlichen Glaubens so essentiell bis heute: Das Kreuz zeigt uns, wer wir Menschen und wer Christus ist: Wir brauchen befreiende Beziehungen und Gott schenkt sie uns in Christus. Beides zusammen bedeutet Heil und Erlösung in christlicher Hinsicht. So fand man als Antwort auf die Frage nach Jesus Christus in Nizäa folgende Worte:

„Ich glaube an … den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist; der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgestiegen ist zum Himmel, kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten…“

In Jesus zeigt sich Gott für alle und nicht nur für wenige besondere. Seine allumfassende Liebe war und ist in Jesus Christus lebendig. Das konnte man auf dem Konzil von Nizäa nur mit einem Paradox beschreiben.

So bleibt christlicher Glaube immer auch ein Wunder, das uns vorbehaltlos auf einander zu bewegt und uns sehen hilft: Alle Menschen sind Gottes Geschöpfe, fehlbar und wunderbar angenommen zugleich. Mich macht dieser Gedanke immer wieder frei für das Leben! Das wünsche ich Ihnen auch!

Ihr Arndt Klemp-Kindermann

Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich als Sommerlektüre: Uta Heil und Jan-Heiner Tück (Hg.): Nizäa – Das erste Konzil, Herder, Freiburg i.Br. 2025.

 

 

Peter Hünermann (Hrsg.), Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen Lateinisch (griechisch) – Deutsch. Nr. 125f, 40. Auflage. Herder, Freiburg 2005