Unser Abschied vom Gemeindehaus Birlinghoven
von Birgit Retzmann
01.11.2026
Nach über zwei Jahrzehnten lebendigen Gemeindelebens hieß es am 30. und 31. Oktober 2026 für uns schweren Herzens Abschied nehmen von unserer Predigtstätte in Birlinghoven. Aufgrund der Vorgaben und Ergebnisse der Gebäudebedarfsanalyse wird das Gemeindehaus aus der kirchlichen Nutzung genommen – ein schmerzender Einschnitt für unsere Gemeinde und auch das Ende eines Teils sichtbarer evangelischer Präsenz vor Ort.
Um diesen Wandel bewusst und würdevoll zu begehen, haben wir ein zweitägiges Programm für gemeinsames Abschiednehmen gestaltet und waren froh, dass so viele Gemeindeglieder mit uns Abschied und Erinnern gemeinsam erlebten.
Da der Besucherzustrom an den beiden Tagen von dem kleinen Kirchraum allein natürlich nicht hätte gefasst werden können, hatten viele fleißige Hände auf der Terrasse ein großes Zelt aufgebaut. Dieses schloss direkt an die Terrassentür an und wurde mit Heizstrahlern und Lichterketten versehen, sodass die Gemeinde (beim Gottesdienst rund 100 Personen) dort und im Kirchraum gemütlich und geschützt Platz hatte.
Den Auftakt unserer Abschiedsveranstaltungen machte ein Konzertabend am Freitag. Dagmar Ziegner, Mein Chor 1872 Birlinghoven e.V., Valerij Kashlyaev und unser Stieldorfer Kirchenchor mit Friedhelm Loesti füllten den Raum noch einmal mit tiefgehenden Klängen. Klassische Musik von Monk über Bach, Tschaikowski bis Rachmaninow zog die Anwesenden in ihren Bann. Zum Abschluss erklang von Don Besig „Go now in peace“. Es war sowohl musikalisch als auch vom bewussten Erleben des Augenblicks ein bewegendes Konzert.
Am Samstag feierten wir den Gottesdienst zum Reformationstag verbunden mit der offiziellen Entwidmung unserer Predigtstätte. Gehalten wurde dieser von Pfarrerin Ute Krüger, Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann und der Superintendentin unseres Kirchenkreises, Pfarrerin Almut van Niekerk.
Für viele Anwesende war dieser Abschiedsgottesdienst kein leichter Moment – ob für Pfarrerin Krüger, die bereits seit ihren Vikariatszeiten eng mit diesem Gemeindehaus verbunden ist, oder für viele der anwesenden hochverdienten Ehrenamtlichen. Sie alle haben, teilweise jahrzehntelang, mit vollem Einsatz Gruppen gestaltet, die Räumlichkeiten mit viel Liebe dekoriert und verschönert, den Garten gepflegt und vieles mehr, vor allem aber mit ganzem Herzblut dafür gesorgt, dass dieser Ort weit mehr als nur ein Gebäude war.
Dass der Reformationstag in diesem Jahr auf einen Samstag fiel und damit auf den vertrauten Gottesdienst-Tag Birlinghovens, passte perfekt. Kaum ein Datum steht inhaltlich so sehr für Veränderung und Wandel in der Kirche. Umso symbolträchtiger war es, dass sich an diesem Tag ein Kreis schloss – denn auf den Tag genau an einem Reformationstag war vor 23 Jahren auch die Grundsteinlegung erfolgt.
Im Fortgang des Gottesdienstes wurden die wichtigsten Prinzipalstücke abgenommen. Diese Stücke finden nun an Gottesdienststätten bei uns oder in anderen Gemeinden eine neue Heimat: So wird die Osterkerze aus Birlinghoven künftig in Stieldorf auf dem Altar stehen und dort in jedem Gottesdienst mit angezündet, das Kreuz wird in den Stieldorfer Gemeindesaal eingefügt, um lebendig an die ehemalige Predigtstätte und auch an die Zugewandtheit zum Birlinghovener Gemeindebereich zu erinnern. Der Kerzenständer der Osterkerze wurde bereits am Sonntag in Oberpleis in neuen Dienst genommen und über die Birlinghovener Kanzel freut sich zukünftig die Kirchengemeinde Siegburg-Kaldauen.
Im Anschluss an den Gottesdienst wurde die damals hinter dem Grundstein eingemauerte Zeitkapsel freigelegt und geöffnet. Als Botschaft für die Zukunft waren hier hinterlegt worden: Eine damals aktuelle Ausgabe des Gemeindebriefes „Spektrum“, in dem auch von dem Abschied und Abriss des alten Gemeindehauses in Birlinghoven berichtet wurde, eine Ausgabe des katholischen Gemeindebriefes „die Brücke“, eine Ausgabe des Generalanzeigers, einige Münzen und die von Pfarrer Max Koranyi unterschriebene Urkunde zur Grundsteinlegung.
Nicht nur der Gottesdienst brachte Bewegendes, Berührendes und auch Mutmachendes – auch die Grußworte schlossen sich hier an. Pater Agatheus von den Steyler Missionaren betonte, Birlinghoven sei auch künftig nicht ohne Gottesdienststätte, denn St. Mariä Himmelfahrt hätte die Türen offen für alle Gläubigen und er freue sich auf ökumenisches Wachsen und Wirken. Wolfgang Zornbach sprach von der Bedeutung des Gemeindehauses für alle Bürger Birlinghovens und auch für den Bürgerverein und drückte seine Hoffnung aus, dass auch zukünftig Bürgerverein und Gemeinde Wege finden, Menschen in Birlinghoven zusammenzubringen.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Kristina Schik schloss an den Gedanken der Predigt an, dass das Beständige und Wesentliche einer Gemeinde oder Gemeinschaft eben nicht Orte und Gebäude oder Dinge seien, sondern die Menschen, die sich begegnen und auf besondere Weise miteinander leben und füreinander da sind.
Und genau dies wurde am weiteren Nachmittag bis in den Abend spürbar! Ab 16 Uhr blickten die Anwesenden alle gemeinsam beim gemütlichen Erinnerungs-Café noch einmal zurück. Eine Dia-Show mit Bildern vom Bau des Gemeindehauses aber auch mit vielen Bildern von allen Facetten des Gemeindelebens lief und bei Kaffee, Kuchen und einem Glas Sekt teilten alle, mit einem lachenden und mancherorts auch einem weinenden Auge, die vielen Geschichten und Begegnungen, die sie mit diesem besonderen Ort verbinden.
Als kleines Erinnerungsstück konnte sich zudem jede Besucherin und jeder Besucher ein Büchlein mit nach Hause nehmen, das mit vielen Fotos und Erinnerungsgeschichten aus den zwei Jahrzehnten bestückt ist, ebenso als Give-Away ein kleines Glas-Windlicht, welches das Türbild von Birlinghoven ziert.
Unser Gemeindehaus in Birlinghoven war weit mehr als nur ein Gebäude – es war für viele ein zweites Wohnzimmer, eine Glaubensheimat und an so vielen Tagen ein Ort der Begegnung für Jung und Alt. Auch wenn das Loslassen schmerzt: Die Erinnerungen an die unzähligen Gottesdienste, Gruppen, Bibelabende, Kirchencafés, Veranstaltungen und Feste bleiben lebendig – in unseren Herzen und durch weiter gelebte Gemeinsamkeit aller Gemeindebereiche an unseren anderen Kirchorten.
Ein von Herzen kommender Dank gilt an dieser Stelle allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die in den vergangenen Wochen mit großem Einsatz angepackt, vorbereitet und diese beiden Tage auf die Beine gestellt haben.
Der Videomitschnitt des Gottesdienstes wird hier in Kürze eingefügt.
Text: Birgit Retzmann
Fotos: Ute Krüger, Jörg-Rainer Molwitz, Birgit Retzmann
Video: Mike Krüger
