Nachruf für Dr. Wolfgang Löwe

von Birgit Retzmann

26.11.2025

Er war Pfarrer aus Überzeugung - Pfarrerin i. R. Annette Hirzel über den am 27. Oktober Verstorbenen.


Dieses Ölgemälde stand bei der Trauerfeier für Dr. Wolfgang Löwe am 24.11.2025 in der Auferstehungskirche neben seiner Urne. Gemalt hatte es Sybille von Welck, eine Freundin der Familie, im Jahr 2018.

Am 19. Oktober 2025 hatten wir ihn noch beim Gottesdienst in Oberpleis begrüßen können, wie immer zufrieden, freundlich, bescheiden, zurückhaltend. So oft es ging nahm er am Gottesdienst und am anschließenden Kirchenkaffee teil. Er ist am 27. Oktober 2025 im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Sturzes gestorben.

1996 war Dr. Wolfgang Löwe mit seiner Frau Linda und ihren fünf damals noch jungen Kindern nach Ittenbach gezogen. Zuvor war er 18 Jahre lang Pfarrer in der deutsch-afrikanischen Gemeinde in Harare in Simbabwe, damals Rhodesien. Als erster weißer Dekan war er in den letzten sechs Jahren zuständig für die Pfarrausbildung an der Theologischen Fakultät in Harare nicht nur für Theologen aus Simbabwe, sondern auch aus Tansania, Äthiopien und anderen Gegenden.

Am 16. Februar 1932 war er in Bad Kreuznach zur Welt gekommen. Sein Vater war Jurist und wurde Oberbürgermeister der schlesischen, heute polnischen Stadt Sprottau. Sein Großvater war Jude. 1933 wurde der Antisemitismus im Deutschen Reich Staatsdoktrin. Da der Vater nicht rein arischer Herkunft war, wurde er aus dem Dienst entlassen. Der Bruder des Vaters musste vor den Nazis fliehen. Wolfgang Löwes Eltern zogen mit ihm und seiner älteren Schwester nach Berlin. Nach dem Abitur studierte er Evangelische Theologie, u.a. in Göttingen und auch ein Jahr in Kopenhagen, wo er fließend Dänisch lernte. 1956 wurde er zum Pfarrer ordiniert. Von 1959 bis 1961 ging er in die USA, promovierte dort, heiratete und wurde Vater eines Sohnes. Nach der Rückkehr in die Pfalz bekam das Ehepaar noch zwei Töchter. W. Löwe übernahm dort eine Pfarrstelle und wechselte später als Universitätspfarrer nach Mainz. In dieser Zeit trennte sich das Ehepaar. Die Familie blieb im guten Kontakt verbunden. Dr. Löwe ging danach als Dozent an die Heidelberger Universität. Hier lernte er seine Frau Linda kennen, eine amerikanische Jüdin, die damals aus Paris zum Studium nach Heidelberg gekommen war. Nach der Heirat entschloss sich das Ehepaar 1978, nach Afrika zu gehen. Schon viele Jahre vorher hatte W. Löwe dort Erfahrungen gesammelt. Schon als Studentenpfarrer hatte er viele Studentengruppen nach Osteuropa und auch nach Israel geführt. Dorthin war er erstmals schon vor der Staatsgründung 1948 gereist, und bis ins hohe Alter blieb er diesem Land, in das er nahezu jedes Jahr reiste, tief verbunden. Sein ganzes Engagement galt der Arbeit für Versöhnung, Verständigung und Gerechtigkeit.

In Afrika kamen die fünf Kinder zur Welt. Das Pfarrhaus wurde zu einem zentralen Kontaktpunkt nicht nur für Theologen, sondern auch für Hilfsorganisationen, NGOs und Ärzte. W. Löwe nahm an vielen internationalen Konferenzen der Kirchenleitungen teil und genoss große Wertschätzung. Es gelang ihm in seiner ausgleichenden Art immer wieder, zwischen unterschiedlichen Strömungen und Positionen zu vermitteln.

Nach seiner Pensionierung und Rückkehr nach Deutschland hat er in unserer Gemeinde manchen Gottesdienst gehalten, sich im Besuchsdienstkreis engagiert und sich stark gemacht für das gemeindliche Spendenprojekt in Äthiopien. Auch in unserer Gemeinde hat er mehrfach Reisen nach Israel geleitet. Er nahm bis zuletzt mit regem Interesse an den gemeindlichen Entwicklungen und Veränderungen teil, hat sich aber nie an strittigen Diskussionen beteiligt.

Auch im Kirchenkreis brachte er seinen riesigen Schatz an Erfahrungen und weltweiten Kontakten ein im Partnerschaftskreis mit Tsumeb/Namibia und im Ökumene-Arbeitskreis,  nahm an Tagungen der Vereinten Ev. Mission in Wuppertal und anderen internationalen Konsultationen teil. Mit Bernd Meyer aus Ittenbach fuhr er gern nach Taizé und liebte es, dort mit jungen Christen aus aller Welt singend und betend verbunden zu sein.

Er liebte Musik, v.a. Musik von Joh. Seb. Bach. Zusammen mit unserer Organistin Renate Struensee haben seine Kinder mit Cello und Geige wunderbare Bachchoräle, die ihr Vater besonders liebte, in der Trauerfeier zum Klingen gebracht.

In meinem kleinen Ittenbacher Projektchor, der über lange Jahre viele Gottesdienste, besonders an Heiligabend, mit mir gestaltet hat, war er mit seinem wunderbaren Bass der treueste Sänger, bis zum letzten Chorprojekt an Heiligabend 2023, an dem er mit fast 91 Jahren noch mitgesungen hat.

 

Wolfgang Löwe war Pfarrer aus Überzeugung. Mit seinem Dienst wollte er Menschen zum Leben helfen, v.a. den Geschundenen, den Übersehenen, den Unterdrückten. Aber er war keiner, der andere mit seinen Glaubenswahrheiten belehren wollte. Tiefe theologische Reflexion ging Hand in Hand mit kindlichem Gottvertrauen, für das er beeindruckend schlichte ungeschnörkelte Worte fand in Predigt und Liturgie. Sein Blick auf die Kirche Jesu Christi, die um ihre jüdischen Wurzeln und ihre bleibende Verbundenheit weiß, ging weit über den Kirchturm hinaus.

Er setzte seine eigene christliche Überzeugung nicht absolut, wissend, dass Andersglaubende auch ihrem Gewissen verpflichtet sind, und in Offenheit und Toleranz für sinnstiftende Antworten auf existentielle Fragen auch in anderen Religionen.

 

Er, dem die Gemeinschaft in unserer Siebengebirgsgemeinde trotz mancher Einschränkungen immer wichtig blieb, fehlt uns nun. Wir haben Grund, dankbar zu sein für sein treues Wirken, seine hoffnungsfrohe Ausstrahlung, seine herzliche Freundlichkeit in Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und Kirche am Ort und weit über unsere Kirchtürme hinaus.

 

Annette Hirzel, Pfr.in i.R.